Kolumne

Aidas Popkolumne: 6:16 in Berlin


Hear ME Out: Aida kann dem Beef zwischen Kendrick Lamar und Drake nicht mehr folgen – und denkt über das Spektakel als Symbol unserer Gegenwart nach.

In den letzten paar Tagen gleicht meine Playlist eher einem Gossip-Magazin: Kendrick Lamar und Drake liefern sich Disstrack nach Disstrack nach Disstrack. Und ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht ob ich noch mitkomme – wenn ihr das hier lest, sind bestimmt schon acht neue Tracks erschienen, in denen Kung-Fu Kenny Drake vorwirft, ein schlechter Vater zu sein, mit Sexualstraftätern befreundet zu sein und als „Coloniser“ sich die Kultur der Schwarzen Community in den USA anzueignen, und in denen Drake wiederum behauptet, dass Kendrick Lamar seine Freundin verprügelt hat, die ihm fremdgegangen ist und macht sich lustig über dessen Erfolg unter Kritiker:innen und die Offenheit, mit der er über sexualisierte Gewalterfahrungen gerappt hat. Und natürlich, dass die ganze Runde eigentlich doch nur eine Marketingmaßnahme für das nächste Album ist, dass Kendrick Lamar gerüchteweise dieses Jahr veröffentlichen will.

Alles ist ein Event

Womit wir schon bei der eigentlichen Sache wären: Wir leben im Zeitalter des Spektakels. Alles ist ein Event, alles ist ein großes Theater. Und ganz egal, ob Kendrick Lamar nun wirklich einfach nur seine seit über elf Jahren vor sich hin köchelnde Wut rauslassen will oder ob Drake nach Jahren, in denen er erfolgreich künstlerisch relativ belanglose Alben rausgehauen hat, wieder Relevanz als Rapper aufbauen will, was wir bekommen ist in erster Linie eine riesige Performance.

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In „Die Gesellschaft des Spektakels“, schreibt der Autor Guy Debord 1967, dass alles, was „unmittelbar erlebt wurde“, einer Vorstellung gewischen ist. Und als ich mich dieses Wochenende stundenlang in Reddit-Foren verloren habe und auf der Songlyric-Plattform Genius versuchte, die wilden Theorien über die Lyrics zu verstehen, dachte ich: Shit. Der alte französische Marxist hatte recht. Not gonna lie, in politisch ziemlich verzweifelten Zeiten tut Ablenkung gut – aber sie fühlt sich auch cheap an.

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„Das Spektakel will es zu nichts bringen, außer sich selbst“

Der Disput zwischen Kendrick und Drake aber ist ja nicht das einzige Spektakel, mit dem wir dieser Tage konfrontiert sind. Im Gegenteil, auch Politik und gesellschaftlicher Diskurs gehen komplett im Spektakel auf. Und wo Spektakel inszeniert werden, bleiben andere Themen unbeleuchtet. Ein gutes Beispiel aus den letzten Wochen war etwa das TV-Duell zwischen Mario Voigt von der CDU und Björn (oder Bernd? Wer weiß das schon) Höcke (der übrigens vom Thüringer Landesverfassungsschutz als Rechtsextremist geführt wird) von der AfD. Als jeweilige Spitzenkandidaten ihrer Partei wollen sie jeder Ministerpräsident von Thüringen werden. Im Vorfeld kritisierte halb Deutschland, dass es vielleicht keine ganz so gute Idee ist, mit einem „mutmaßlichen“ Rechtsextremisten, der nach Auffassung von Gerichten auf überprüfbarer Datengrundlage ein Faschist genannt werden darf, in eine TV-Diskussion zu gehen und so ihn und seine Positionen zu legitimieren. Aber die Thüringer CDU und der Fernsehsender, der das „Duell“ ausstrahlte, waren einfach zu spitz darauf, Teil eines Spektakels zu sein – schlechte PR ist ja auch gute PR und so. Es kam wie es kommen musste, siebzig Minuten lang war Höcke als normaler Politiker zu sehen und emotionalisierte bei Themen wie Inflation und Altersarmut. Und um das Spektakel abzurunden, sprach man zuletzt noch über den korrekten Begriff in Thüringen für Brötchen mit Gehacktem. Das Spektakel will es zu nichts bringen, außer sich selbst, schrieb Debord. Und genau damit, mit seiner völligen Leere und Abwesenheit von Werten oder Inhalten, reißt es uns alle in den Abgrund.

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Ein aktuelleres Beispiel für ein Spektakel sind auch die Diskussionen um die Demos von radikalen islamistischen Sekten in deutschen Innenstädten, die ein Kalifat errichten wollen. Seit Jahren warnen muslimische Bildungsarbeiter:innen und Islamwissenschaftler:innen vor diesen teilweise schon lange verbotenen Gruppen – aber Ernst genommen wurden sie nie. Nun halten diese Gruppen ihre Performances in irgendwelchen Fußgängerzonen in Essen oder jüngst in Hamburg ab und filmen dabei in aller Ruhe Content, den sie für die nächsten Monate auf Social Media verwursten können. Und nicht nur inszenieren sie ein Spektakel, sie provozieren auch als Antwort ein Spektakel: Statt auf Warnungen aus den Communities zu hören oder gegen Demos verbotener Organisationen vorzugehen, ist jetzt das performative Entsetzen im Nachhinein groß. Ein Spektakel als Reaktion auf das Spektakel. Wir drehen uns im Kreis.

Mittendrin in der Performance-Spirale

Die Liste ließe sich endlos fortsetzen – ich habe noch nicht mal die Universitätsbesetzungen in den USA und auch in Berlin und deren gewaltsame Räumungen erwähnt. Aber bevor ich noch deprimierter werde, möchte ich lieber darüber nachdenken, ob wir dieser Spirale des Spektakels noch entfliehen können. Gibt es einen Weg raus? Können wir mit Smartphones in der Hand überhaupt noch irgendetwas tun, was kein Spektakel ist? Irgendetwas, was wahrhaftig ist, ohne Performance? Oder müssen wir lernen, dass es keine Alternative zum Spektakel gibt – und wir einen Weg finden müssen, damit umzugehen? Denn aktuell scheinen wir ja eher planlos immer tiefer einzutauchen in eine Welt, die nur aus Performance besteht. Kendrick Lamar ist als Antwortgeber aktuell anscheinend raus. Aber vielleicht finden wir ja irgendwo die Antwort, wenn wir schlaflos durch Tiktok scrollen um 6:16 in Berlin.