„Es geht ja auch um Sehnsucht“


Madsen schließen mit sich und den Kritikern Frieden im krieg - im Interview erklären Sänger Sebastian und Drummer Sascha, warum sie sich als Ratgeber, nicht aber als Pädagogen sehen und worum sie die Beastie Boys beneiden.

Sebastian, in einem Interview zum letzten Album Goodbye logik hast du gesagt, dass du Politik nicht mit Musik vermengen willst. Euer neues Album heißt Frieden Im KRIEG…

Sebastian Madsen: Ich glaube, ich habe das damals ein bisschen zu spitz formuliert, auch wenn ich noch dazu stehe. Aber FRieden im Krieg ist eigentlich kein politischer Plattentitel.

Das musst Du erklären …

Sebastian: Der Titel steht für etwas anderes. Auf dem Album gibt es einige Songs, die aussichtslose Situationen beschreiben, in denen man dennoch etwas Positives tun sollte.

Viele Texte könnten auch von einem Pädagogen geschrieben worden sein…

Sebastian: Oh Gott, oh Gott…

Sascha Madsen: Ist das jetzt gut oder schlecht?

Quasi als „Gebrauchsanweisung fürs Leben“. Mach‘ dieses, tu jenes. Bist du ein pädagogischer Typ?

Sebastian: Eigentlich nicht. Das muss man auch unterscheiden können. Erst mal fand ich es interessant, solche Texte zu schreiben, weil ich diese Selbstmitleidsnummer nicht mehr abkonnte, gerade im Bereich deutschsprachiger Musik. Bei vielen Indiebands wurde mir einfach zu viel geheult, und das war mir zu unentschlossen. Ich wollte etwas schreiben, was konkreter ist, Ratschläge gibt und trotzdem nicht peinlich ist. Aber man darf das auch nicht überschätzen: Ich bin nicht der Typ, der Lebensweisheiten parat hat. Ich versuche, die Dinge so zu beschreiben, wie ich sie erlebt habe. Und wer daraus etwas ziehen kann, für den freue ich mich.

Euer erstes Album habt ihr laut Eigenaussage für „Realschüler auf Klassenfahrt“ geschrieben. Das neue könnte meiner Meinung nach für „verwirrte Teenager in der Pubertät“ passen…

Sebastian: Ich wollte eigentlich eher so die Über-30-Jährigen ansprechen, (lacht) Zu euren Konzerten kommen aber sehr viele 16-Jährige …

Sascha: Ja, auf jeden Fall. Wobei hinten auch die älteren Leute stehen, (lacht) Sebastian: Ich fände es schön, sowohl für die Kids als auch für die Ü-30-Generation da zu sein. Die Beastie Boys haben das geschafft. Oder die Beatsteaks. Die packen das, jugendlich zu klingen aber auch Inhalte zu haben und eine Attitüde, die Ältere anspricht.

Du hast mal gesagt, dass du dich nach dem Texten jedes Mal vollkommen ausgelaugt fühlst. Ist das immer noch so schlimm?

Sebastian: Das kommt nach wie vor in Schüben. Irgendwann muss es wieder raus, dann schließe ich mich in mein Kämmerchen ein, sitze Stunden herum und schreibe in einer Woche vier Songs, die auch gleich aufgenommen werden. Da gibt’s nicht viele andere Dinge, auf die ich mich konzentrieren kann.

Trifft es dich, wenn man deine Texte banal und oberflächlich nennt?

Sebastian: Nein. Du kannst es nicht allen recht machen, und das wollen wir auch nicht. Das haben wir uns vor diesem Album ganz massiv selber gesagt: Wir wollen nicht alle haben! Mit einer Single wie „Nachtbaden“ tun wir uns bei einigen sicherlich auch keinen Gefallen, das spüren wir schon. Bei anderen ist es aber so, dass sie dankbar sind, dass so ein Song mal im Radio gespielt wird.

Auf Frieden im Krieg sind die Stilrichtungen sehr unterschiedlich: Von Hardcore über Punk bis zu radiokompatiblem Pop. Habt ihr euren Sound noch nicht gefunden?

Sebastian: Ich glaube, dass wir eine Madsen-typische Platte gemacht haben. Die Flaming Lips haben ihren Sound gefunden – nach 20 Jahren. So weit würde ich bei uns noch lange nicht gehen. Ich glaube, dass wir noch was viel Spezielleres machen können.

Die Single „Nachtbaden erinnert mich sehr stark an Turbostaat. Habt ihr keine Bedenken, dass jetzt kommt Jetzt klingen sie wie Turbostaat, früher klangen sie wie Tomte?

Sascha: Eigentlich ist es egal, was man macht – es wird immer verglichen, weil es ja auch alles in irgendeiner Form schon mal irgendwie gab oder gerade gibt. Man muss sich da selbst sicher sein.

Sebastian: Mich erinnert der Song eher an die Goldenen Zitronen. Wir mögen Turbostaat auch – aber den Song gab’s schon lange vorher. Früher haben wir zum Beispiel sehr viele Deutschpunk-Bands gehört wie Shine, Toxoplasma und Schleim-Keim oder aber auch The Clash und die Sex Pistols. Das ist auch die Musik, auf die wir uns in letzter Zeit wieder alle einigen konnten. Wir haben den Punk wieder entdeckt. Viel schlimmer fände ich, wenn jemand sagen würde ,Das ist eine langweilige Platte‘. Wir haben Wert daraufgelegt, dass es eine extreme Platte wird. Wenn eine Gitarre zum Beispiel besonders asig klang, haben wir sie gerade deswegen genommen.

Ihr habt an diversen Bandwettbewerben teilgenommen, beim MTV Band Trip mitgemacht und ihr seid bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest dabei gewesen. Ist Musikmachen ein Wettbewerb für euch?

Sebastian: Absolut nicht! Wenn man mal überlegt, wie lange wir Musik machen und wie wenig wir gewonnen haben… extrem wenig. Wir waren bei Raab nicht am Wettbewerb interessiert, sondern daran, zu spielen und die Leute mit einem Song wie „Nachtbaden“ zu schocken. Und ansonsten: Wir fordern die Leute zum Beispiel extrem selten auf, für uns zu voten im Internet. Es gibt andere Bands, die belästigen ihre Fans damit richtiggehend. Da denke ich mir, das hilft einem doch nicht weiter. Das bringt einem vielleicht einen kurzen Erfolg, wenn 1.000 Leute für einen klicken, aber was hat das mit Kunst zu tun? »>

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