Micky Beisenherz: „Jeder bekommt mal seine 15 Minuten Shitstorm“

Micky Beisenherz darüber, wie er seinen Weg in die Podcast-Welt fand & was einen guten Podcast ausmacht.


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Micky Beisenherz tritt in unzähligen Medien in Erscheinung, er unterhält Kolumnen in „Zeit“, „Sueddeutsche“ und „Stern“. Fürs TV ist er unter anderem als Moderator der WDR-Talkshow „Kölner Treff“ aktiv, zudem ist Beisenherz bekannt für die satirischen Texte, die er den Moderator:innen des RTL-Dschungelcamps in den Mund legt. „Apokalypse und Filterkaffee“, „Fußball MML“ und „Friendly Fire“ sind seine laufenden Podcasts. Grund genug, mit ihm mal ausführlich zu sprechen.

ME: Während wir sprechen, befindest du dich in Singapur am Flughafen. Ein sogenannter Stop-Over auf dem Weg von Australien nach Deutschland. Das liegt daran, dass du wieder als Autor für das RTL-Dschungelcamp tätig gewesen bist. Daher, bevor wir loslegen: Ist es dort mittlerweile jedes Jahr gleich für dich oder doch immer wieder ganz anders?

MICKY BEISENHERZ: Dass es immer wieder anders ist, kann ich nicht sagen – dafür aber habe ich es dieses Jahr besonders interessant empfunden. Das lag daran, dass sich vielfältigere Geschichten im Camp zeigten. Wir hatten zum Beispiel mit Pierre Sanoussi-Bliss einen wirklich ganz tollen Finalisten. Für den hat es mich besonders gefreut, dass er so weit gekommen ist.

Stimmt, der dürfte nicht nur bei dir hängengeblieben sein. Jetzt aber ins Thema: Wann hast du Podcasts als Phänomen wahrgenommen?

Das muss Ende der Zweitausender gewesen sein, als ich noch sehr intensiv iTunes genutzt habe, also als man auch noch seine Alben mühsam händisch eingelesen hat für seinen iPod – und sich dafür CDs gekauft hat und solche Sachen … Dort gab es dann irgendwann das Feature „Podcast“, viel fand sich in diesem Feed damals noch nicht, ich kann mich unter anderem an Harald Schmidt erinnern, der regelmäßig für Apple gepodcastet hat. Natürlich mit hörbarer Verachtung, denn Harald Schmidt hat sich ja auch von Dingen, mit denen er sicher nicht schlecht Geld verdiente, gern ein großes Stück weit distanziert. Und der SWR speiste sehr früh seine Talksendung „Leute“ als Podcast ein. Es handelte sich damit um einen öffentlich-rechtlichen Podcast – da waren die tat- sächlich mal früh dran … So bin ich – und damit sind wir doch wieder beim Dschungelcamp – bereits vor 15 Jahren am Strand von Kingscliff in Australien entlangspaziert, habe mir „Leute“ mit Wolfgang Heim angehört, wie er mit Niklas Frank, dem Sohn eines Nazi-Schergen, ein Gespräch über Vergangenheitsbewältigung führte. Schöne Pointe, dass eben dieser Wolfgang Heim über ein Jahrzehnt später nach dem Renteneintritt beim SWR bei uns angeheuert hat und bei „Apokalypse und Filterkaffee“ den Podcast am Sonntag hostet.

Bis zu deinem ersten eigenen Podcast hat es dann aber noch gedauert. Das war „Friendly Fire“ mit Oliver Polak 2017.

Ja, das ging ungefähr zeitgleich mit dem Fußballpodcast „MML“ los. Ich bin zwar sehr laberaffin, dennoch gestaltete es sich auch beim Thema Podcast wie bei vielen Dingen in meinem Leben: Ich bin nicht selbst drauf gekommen. Beide Projekte gingen letztlich auf die Ideen anderer zurück — mich hat es also eher reingezogen, als dass ich es initiiert hätte.

Du betreibst etliche Podcasts und hast überhaupt viele Ausspielflächen. Versuchst du, Wiederholungen zu vermeiden oder gehört die mehrfach rotierende Anekdote vielleicht auch zum Podcast als Wohlfühlmedium dazu?

Nach Möglichkeit versuche ich, Wiederholung schon zu vermeiden, aber das gelingt natürlich nicht immer. Bei einem Podcast, der sich mit News auseinandersetzt, hat man natürlich den Vorteil, dass du von immer neuen Ereignissen angespielt wirst. Da ist die Gefahr der Wiederholung dementsprechend nicht so hoch, als wenn du in einem Fußballpodcast zum dritten Mal hintereinander über die Niederlage einer Mannschaft sprichst. Grundsätzlich kann das Hervorkramen von bereits erzählten Geschichten aber auch sympathisch sein. Podcast lebt nicht nur von der Information, sondern vor allem von Bindung. Das unterscheidet das Medium auch vom Fernsehen. Beim TV denkt man schneller: „och, hier laufen ja nur noch Wiederholungen“ – währenddessen man diese beim Podcast auch ein bisschen sucht, denn viel läuft hier über die eigene Zuneigung zu den Protagonist:innen. So nach dem Motto: „Das hat sie doch letztens schon erzählt … ja mei, so ist sie halt!“

Da kommt der Familienersatz von Podcasts zum Tragen. Sitzt man sonntags bei Mutti zum Kaffee, hört man auch nicht immer neue Geschichten.

Exakt. Wenn Sassan Niasseri mir in dem „Rolling Stone“-Podcast „Freiwillige Filmkontrolle“ zum fünften Mal erzählt, dass Kevin Costner Anfang der Neunziger eine Strähne erfolgreicher Filme hatte, dann rege ich mich darüber sicher nicht auf. Viel eher bekomme ich das Gefühl, dass ich mich in deren Podcast-Welt einfach schon sehr gut zurechtfinde.

Klingt gemütlich. Du bist ja aber nicht nur selbst Podcast-Host, sondern warst auch in unzähligen anderen schon zu Gast. Was macht für dich einen guten Podcast, was einen schlechten aus?

Mir geht es tatsächlich um Liebe und Zuneigung. Wenn ich höre, dass das jemand wirklich auf sein Thema anwendet, dann ist die Chance groß, dass ich da hängenbleibe. Und klar, ein bisschen Witz, Esprit und überraschende Gedanken sind auch nicht verkehrt. Was mich dagegen rausbringt, ist so eine totale Berechenbarkeit. Und wenn gleich zu Beginn in anstrengenden Insiderjokes kommuniziert wird, fühlt man sich schnell ausgeschlossen und nicht gemeint, sofern man nicht bereits zur In-Crowd gehört. Einem meiner Lieblingspodcasts habe ich außerdem schon mal geschrieben, dass sie, wenn sie sich nicht endlich mal gescheite Mikros anschaffen, bald keine Hörer mehr haben werden.

Die Corona-Zeit befeuerte einen immensen Boom an Podcasts – wie ist es heute darum bestellt? Klingt der Hype wieder ab?

Ich merke, dass diese Goldgräberstimmung vorbei ist. Vor vier Jahren oder so hat Spotify noch jedem, der mehr als 500 Hörer besaß, einen Vertrag gegeben. Das ist Vergangenheit. Auch die Werbeerlöse sind deutlich zurückgegangen, der Markt ist heute viel umkämpfter. Gleichzeitig muss man aber auch sehen, dass ungefähr 50 oder 60 Prozent aller Deutschen noch gar nicht mit Podcasts in Berührung gekommen sind. Es ist also nicht zu unterschätzen, wie viel Potenzial da noch zu erreichen ist.

Gutes Stichwort: Wie verdient man Geld mit Podcasts?

Das hängt natürlich von der Reichweite ab, je größer die ist, desto leichter stellt sich eine Monetarisierung dar. „Apokalypse und Filterkaffee“ besitzt eine große Verbreitung und wir können schauen, wofür möchte man werben, mit welchen Firmen will man ins Gespräch kommen. Aber zum Beispiel bei „Friendly Fire“ mit Oliver Polak, als wir das noch für die Podcastfirma Studio Bummens gemacht hatten, da waren die Zahlen auch gut – aber trotzdem war das Ding schwerer zu vermarkten. Da darf man sich nichts vormachen. Es gibt keinen Bereich, der so überfrequentiert ist, wie der Laberpodcast von zwei Männern. Da muss man schon in eine arge Hybris verfallen, wenn man denkt, nur weil ich mich jetzt mit meinem Kumpel zusammensetze, wird das ein Selbstgänger.

Aber ein paar Euro bleiben doch schon?

(lacht) Ja, zum Glück! Denn wir haben auch ein paar sehr gute Producerinnen, die wir anständig bezahlen. Daher müssen für solche Projekte auch einige Euros fließen, damit sie überhaupt erst möglich werden können.

Das ist ein Kostenfaktor, der den unzähligen Homemade-Podcasts abgeht – dafür fehlt ihnen dann oft die größere Relevanz.

Ich höre selbst auch gern solche Podcasts – und meist fällt mir erst nach einiger Zeit auf: „Verdammt, die haben ja gar keine Werbung?“ Die machen das manchmal über Jahre und mit wöchentlichen Folgen einfach aus Spaß an der Freude. Und für die Community, die sie sich aufgebaut haben. So eine gelebte Passion begeistert mich dann schon.

Ein anderer Trend ist aktuell der, dass viele Podcasts den Weg auf kleine wie große Bühnen suchen. Wie stehst du dazu? Du hast das ja – natürlich – selbst auch schon gemacht.

Das ist eine interessante Erweiterung. Bei „Apokalypse und Filterkaffee“ sind wir eher richtig Publikumseinbindung und Late-Night-Show gegangen. Allerdings sollte man sich bewusst sein, dass ein Podcast-Publikum letztlich auch den Podcast auf der Bühne sehen will. Du brauchst da keinen Einradfahrer oder irgendwelche zusätzlichen Musikacts. Die Zuschauer gehen am meisten ab, wenn du „Regulars“, also regelmäßige Gäste oder Hosts des Podcasts, auf die Bühne holst. Da bist du schnell wieder bei diesem Community-Gedanken. Je mehr sich das live für alle nach Klassentreffen anfühlt, desto richtiger liegst du.

Glaubst du, dieser Boom ist von Dauer?

Ich sehe aktuell nichts, was gegen den Trend spricht. Allerdings hoffe ich, dass das nicht auf Kosten von Musikacts geht. Also dass durch die vielen Bühnenpodcasts weniger Leute zu Konzerten gehen. Wenn dem so wäre, sollten die Podcaster den Platz dann doch besser räumen für die, die wirklich in diese Veranstaltungsläden gehören.

Podcast-Gespräche sind auch deshalb beliebt, weil sie Unmittelbarkeit erschaffen. Hosts und Gäste sprechen bestenfalls unverstellt zu ihren Hörer:innen. Das kann aber auch trügerisch sein. Dass man locker was raushaut und einzelne Sätze zu Schlagzeilen werden und einem dann um die Ohren fliegen. Spielt das für dich eine Rolle?

Effektiv kann man sich vor so was nur schützen, indem man keinen Podcast macht. Felix Lobrecht und Tommi Schmitt von „Gemischtes Hack“ haben zum Beispiel einen richtig böswilligen Shitstorm erlebt wegen der Aussage, Gymnasien sollten zugunsten von Gesamtschulen abgeschafft werden. Doch mittlerweile kann hier das umgekehrte Warhol-Prinzip gelten: Jeder bekommt irgendwann mal seine 15 Minuten Shitstorm, dadurch werden solche letztlich ja auch egaler. Nichtsdestotrotz empfiehlt es sich, gerade in Podcasts seine Worte mit Bedacht zu wählen. Sonst bist du Thomas Gottschalk, der in seinem mit Mike Krüger einen fiesen Spruch nach dem anderen raushaut – nur um sich dann aber wiederum selbst als Opfer zu sehen und den eigenen Podcast einzustellen, wenn seine Dicken-Witze bei einem Teil des Publikums auf Gegenwind stoßen. Hab’ ich nicht verstanden. Man kann in seinen Parallelöffentlichkeiten ja sehr gut aneinander vorbeiexistieren.

Hast du damit schon eigene Erfahrungen gemacht?

Shitstorms? Bezogen auf meine Podcasts? Ich glaube nicht. Aber wer weiß. während wir hier reden, zieht am Ende gerade was auf …

Verfolgst du Podcasts, in denen es um Musik geht?

Auf jeden Fall! „Reflektor“ von Jan Müller zum Beispiel oder „Musik ist Trumpf“ mit Till Hoheneder und Henning Wehland.

Schade ist ja, dass wegen der ungeklärten Urheberrechtslage Podcasts quasi keine Musik einspielen.

Das ist für meine Frau Nikki (Hassan-Nia – Anm. d. A.), mit der ich „Apokalypse und Filterkaffee“ zusammen mache, tatsächlich ein sehr frustrierendes Thema. Seit Jahren würde ich so gern am Ende unseres Podcasts immer einen Song spielen. Jedes Mal einen neuen, besonderen Song to ride out. Aber ohne die Klärung zwischen Streaminganbietern und der GEMA ist das nicht möglich – dabei würde ich sogar finanzielle Einbußen in Kauf nehmen, wenn ich am Ende des Podcasts einfach ein Stück bringen könnte, auf das wir gerade Bock haben und das nicht unbedingt jeder kennt. Irgendwas zwischen Betterov, boygenius oder Sam Vance-Law … So was den Leuten mitgeben zu können, das wäre doch die perfekte Ergänzung zu einem Podcast. Bis gestern hätte ich noch Lola Young genannt, aber seitdem Dieter Bohlen ihr „Messy“ in seinen Insta-Stories verwendet, ist das schlimm kontaminiert. Tragisch.