Godley & Creme

PARTS OF THE PROCESS: THE COMPLETE GODLEY & CREME

Demon Music Group (VÖ: 28.2.)

Zwischen Avantgarde, Art-Pop und Experiment: Visionäres bis Exzentrisches des britischen Ausnahmeduos.

Schon zur Jugendzeit lernten sich die Singer/Songwriter Kevin Godley und Lol Creme kennen, die ab den späten Fünfzigern in diversen Amateurbands im Großraum Manchester mitwirkten. Als unzertrennlich präsentierten sie sich auch nach ihrem spektakulären Ausscheiden beim britischen Art-Pop-Quartett 10cc. Im Boxset PARTS OF THE PROCESS: THE COMPLETE GODLEY & CREME wird mittels 105 Tracks auf elf CDs ihr häufg verschlungener Karriereweg nachgezeichnet. Enthalten sind alle sieben Studioalben inklusive eine Scheibe mit Non-Album-Tracks und 7-Inch-Versionen, eine Bonusdisc mit Extended Mixes sowie ein 28-seitiges Booklet mit einem Essay von Liam Newton, dem Autor der Biografie „10cc – The Worst Band In The World“.

Amazon

Im Oktober 1977 erschien das mit Spannung erwartete Triple-Vinyl-Debüt CONSEQUENCES (3,5 Sterne), mit 111 Minuten Länge ein ziemlich ambitioniertes Konzeptwerk: Halb Avantgarde, halb abgründiges Hörspiel, das wie eine Kooperation von 10cc mit Monty Python, den Moody Blues der mittleren Schaffensphase und der Bonzo Dog Doo Dah-Band anmutet – ergänzt um die weniger linearen Momente des Firesign Theatre. Sämtliche Stimmen der diversen Charaktere übernahm der britische Comedian Peter Cook, die Plattenfirma Phonogram ermöglichte das Mitwirken der Jazz-Ikone Sarah Vaughan.

Die Messlatte lag für Godley & Creme also ziemlich hoch

Das Monumentalwerk erschien zwar auch in abgespeckten Versionen, etwa als MUSICAL EXCERPTS FROM CONSEQUENCES (1977) und MUSIC FROM CONSEQUENCES (1979), was die Akzeptanz seitens des Publikums aber auch nicht steigerte. Zwar behaupteten sich Godley & Creme damit in Insiderkreisen sowie bei der aufkeimenden Punk- und New-Wave-Bewegung als bizarre Antihelden und originelle Innovatoren. Von einstigen Erfolgen wie mit 10cc, die weiterhin in den Charts präsent waren, konnte bei diesen schrägen Nischenprodukten aber keine Rede mehr sein. Die Messlatte lag für Godley & Creme also ziemlich hoch.

Youtube Placeholder

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Youtube
Um mit Inhalten aus Sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Mit sieben Songs und knapp 35 Minuten Spielzeit markierte das mit Roxy Musics Multiinstrumentalist Andy Mackay eingespielte L (1978) (4 Sterne) die Abkehr von der sperrigen Opulenz des Vorgängers. Stilistisch deutlich an Zappa-Werke wie OVER-NITE SENSATION und APOSTROPHE angelehnt, schimmerten auch 10cc durch: ein Amalgam aus Jazz-Fusion und Art-Pop unter Zuhilfenahme von modernster Elektronik. Einen Achtungserfolg erzielte das Duo mit dem nochmals zugänglicheren FREEZE FRAME von 1979 (5 Sterne). Klanglich innovativ dank Eventide Harmonizer und Drum Machines, wirkten Roxy Musics Phil Manzanera sowie Paul McCartney mit, die Single „An Englishman In New York“ erreichte auch hierzulande die Charts.

Godley & Cremes Avantgarde-Pop war 1980 tatsächlich seiner Zeit voraus

Godley & Cremes Avantgarde-Pop war 1980 tatsächlich seiner Zeit voraus, eingängige Rap-Vocals und elektronische Sounds aus dem Fairlight CMI machten ISMISM (5 Sterne), in den USA SNACK ATTACK betitelt, zu ihrem erfolgreichsten Werk. Was auch an Single-Auskopplungen wie „Under Your Thumb“, „Wedding Bells“ und „Snack Attack“ lag, die vor allem in Großbritannien auf ofene Ohren stießen. Die Zeit schien endlich reif für elektronische Experimente und postmoderne Spielereien, doch trotz der gelungenen Singles „Samson“ und „Save A Mountain For Me“ blieb der qualitativ ebenfalls recht hochwertige Nachfolger BIRDS OF PREY (4 Sterne) von 1983 eher ein Geheimtipp.

Youtube Placeholder

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Youtube
Um mit Inhalten aus Sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

THE HISTORY MIX VOLUME 1 (4 Sterne) generierte 1985 immerhin den weltweiten Charts-Hit „Cry“, mit exzentrischen Remixen von 10cc und ihrer früheren Band Hotlegs erwiesen sich die beiden zum wiederholten Male als Neuerer – zunehmend auch abseits der Musik. Godley & Creme galten längst als innovative Videoclip-Regisseure, einerseits für ihre eigenen Werke, andererseits für Acts wie Frankie Goes To Hollywood, The Police, Culture Club, Duran Duran, Peter Gabriel & Kate Bush. Als GOODBYE BLUE SKY (3 Sterne) 1988 trotz vielversprechender Auskopplungen wie „A Little Piece Of Heaven“ und „10,000 Angels“ kaum wahrgenommen wurde, gingen die bislang Unzertrennlichen getrennte Wege.

War’s das? Nicht ganz: Creme stieg 1998 bei der Synthpop-Band Art Of Noise ein, Godley setzte seine Tätigkeit als Video-Produzent fort. Was bleibt? Ein im wahrsten Sinne des Wortes außergewöhnliches Gesamtwerk, das auf PARTS OF THE PROCESS: THE COMPLETE GODLEY & CREME angemessen gewürdigt wird. Das aber auch eines ofenbart: Spinnerte Ideen und fortschrittliche Sounds mögen die Popkultur im Ganzen voranbringen – das Publikum „mitzunehmen“ gelang Godley & Creme aber nicht immer.

Welche Alben im Februar 2025 noch erschienen sind, erfahrt ihr über unsere monatliche Veröffentlichungsliste.