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50 SOLOALBEN: Vom Klassiker zum Geheimtipp


Von Brittany Howard bis Beyoncé: Wir werfen einen Blick auf 50 bemerkenswerte Soloalben.

Ol‘ Dirty Bastard
RETURN TO THE 36 CHAMBERS: THE DIRTY VERSION
1995

Etikettenschwindel kann man RETURN TO THE 36 CHAMBERS nicht vorwerfen. Schon im Titel seines Solodebüts offenbart ODB, dass er sich auf ENTER THE WU-TANG (36 CHAMBERS), das bahnbrechende Debüt seiner Stammband, bezieht. Außerdem hat auch Wu-Tang-Boss RZA produziert: Klar, dass die Rückkehr kaum anders klingt als der erste Besuch in den 36 Kammern. Aber weil es ein Soloalbum ist, bekommen die durchgeknallten Raps, das typische Genuschel und die Megalomanie, das drogeninduzierte Gaga und Dada, überhaupt der ganze Wahnsinn noch mehr Raum. Sich selbst zum „baddest HipHop man across the world“ zu erklären, gehört zum Rap-Geschäft. Aber einer, nur einer, der alte dreckige Bastard, hat eben recht, wenn er so was behauptet. (Thomas Winkler)

Billie Joe Armstrong: „Cool, dass Leute mich als bisexuelle Ikone sehen“

Sarah Cracknell
LIPSLIDE
1997

Ohne ihre Mitstreiter verschiebt die Saint-Etienne-Sängerin die Regler behutsam, aber doch erkennbar: Sie stellt sich und ihre Stimme in den Mittelpunkt, was bisweilen an den Blue-Eyed-Soul Dusty Springfields erinnert, diesen aber in die Pop-Zusammenhänge einer Kylie oder einer Madonna einordnet. Bedeutet: Die Eingängigkeit wird durch Geschichtsbewusstsein erweitert. Wir hören viele Synthies, „Home“ schwebt durch die Atmosphäre wie ein Pet-Shop-Boys-Track, „Coastal Town“ und „Taxi“ sind hübsch housig durchgetaktet. Aber die Synthies sind nie die Songs, sie sind Mittel zum Zweck, wie das an anderer Stelle („Ready Or Not“, „Can’t Stop Now“) weiche Streicher oder feierliche Bläser sind. Floppte trotz der aufwendigen Produktion (Stephen Hague, Andy Wright und viele andere) seinerzeit grandios. (Jochen Overbeck)

Mark Hollis
MARK HOLLIS
1998

Mark Hollis ist das letzte Mysterium des Pop. Mit Talk Talk entwarf er kunstvollen Synthie-Pop, bevor er die Band an den Rand der Hörbarkeit führte: Die zwei unangreifbaren No-Noise-Alben SPIRIT OF EDEN und LAUGHING STOCK stößt niemand vom Olymp. Es folgt: noch mehr Stille. Ist dieser Mann ein Eremit? Oder kann man ihm in Pubs begegnen? Man weiß es nicht. 1998 erscheint sein einziges Soloalbum, das den Faden der letzten beiden Talk-Talk-Werke weiterspinnt. Die Platte raunt, flüstert, seufzt. Viele Epigonen versuchen sich später an einer solchen geräuschlosen Musik. MARK HOLLIS ist das Original – und unerreicht. 2019 stirbt der Künstler. Das letzte große Porträt, das über ihn geschrieben wird, heißt „How to disappear completely“; dieses Album macht den Klang des Verschwindens hörbar. (André Boße)

Lauryn Hill
THE MISEDUCATION OF LAURYN HILL
1998

Hand hoch, der niemanden kennt, der dieses Album hat! 20 Millionen Verkäufe, das ist die gleiche Liga wie Supertramp und Lionel Richie. The Fugees haben zwei Jahre zuvor dem Hip-Hop viele weitere Hörer*innengruppen geöffnet, Bono nennt sie die „Hip-Hop-Beatles“, nun denn. THE MISEDUCATION … definiert auf ihrem Solowerk den Neo-Soul mit: Eleganz und Haltung, musikalische Wurzeln im Reggae und Spuren im Rock, Lyrics über christliche Gleichnisse und ihre Antipoden in ihrer Lebensrealität, zu der die Fugees bereits nicht mehr zählen. Was Lauryn Hill in Songs wie „Lost Ones“ sehr klar deutlich macht: „It’s funny how money change a situation. Miscommunication leads to complication. My emancipation don’t fit your equation.“ Die Gründe für ein fehlendes Folgealbum sind vielfältig, ein Jammer ist es allemal. (André Boße)

Rolling Stones & Beatles: Über die Urgewalt des schlechten Geschmacks

Ken Stringfellow
TOUCHED
2001

Seine Powerpop-Band The Posies legt zum Jahrtausendwechsel eine Pause ein, der Nebenjob als Tour- und Studiomusiker bei R.E.M. ist zwar lukrativ, führt Stringfellow aber nicht an seine Grenzen. Doch genau dort will der Kalifornier hin: An mehr als 200 Alben hat er sich im Laufe seiner Karriere beteiligt, TOUCHED, das zweite von vier Alben unter eigenem Namen, zählt zu den besten dieser Diskografie. Ohne die Gitarren- und Vocals-Duelle mit Posies-Mitstreiter Jon Auer erhalten diese Songs mehr Ruhe, „This One’s On You“ bekommt sechs Minuten Zeit, um sich zu entwickeln, die Refrain-Melodie geht einem nicht mehr aus dem Kopf. „Uniforms“ ist einer dieser perfekten Nerd-Popsongs: viel zu informiert für die Charts, aber im Herzen aller Plattensammler auf einer Stufe mit den Beatles und Beach Boys. (André Boße)

Evan Dando
BABY, I’M BORED
2003

Überraschend kam dieses Album seinerzeit nicht. Das letzte Lemonheads-Album, das mäßige CAR BUTTON CLOTH, lag sieben Jahre zurück, im Großen und Ganzen schien die Band ohnehin stets ein Gefäß für seine Gedanken, für seine Ideen zu sein. Trotzdem besitzt die Platte einen durchaus eigenen Charakter: Dando lässt den Punk und den College Rock – das eine Genre schulte ihn, das andere prägte er – größtenteils außen vor und spielt stattdessen Songs, die Country mögen und sich in ihrer Melodieführung vor allem im Bauchladen der Siebziger bedienen. Den Höhepunkt, das bittersüße „Hard Drive“, verantwortete Freund Ben Lee, auch Mark Lanegan und Ex-Lemonhead Tom Morgan schauten im Studio vorbei. Dass die Leichtigkeit fehlt, die seine Frühneunziger-Songs verströmten, sei der Vollständigkeit halber erwähnt. Schlimm ist das nicht. (Jochen Overbeck)

Morrissey
YOU ARE THE QUARRY
2004

Der Gladiolenjunge wird mit seinem siebten Soloalbum endgültig zum Elder Statesman der britischen Popmusik. Wohlgemerkt zu einem, der zärtelnd sein Schießgewehr betrachtet. Das passt zu den Songs, die musikalisch wie inhaltlich breitbeiniger anmuteten, als man das von Morrissey kannte. Wut kann man da rauslesen, das Hadern mit der eigenen Männlichkeit, verhandelt wird weiter Nationalgefühl, Morrissey lebt schließlich in Los Angeles, hat also das Empire im distanzierten Blick. Der stärkste Song neben Singles wie „I Have Forgiven Jesus“, „Irish Blood, English Heart“, und „First Of The Gang To Die“ ist aber die Nahaufnahme „America Is Not The World“, in der er grimmig von einem Land singt, „where the President is never black, female or gay“. Wenigstens das wurde ein paar Jahre später anders. (Jochen Overbeck)

Brian Wilson
BRIAN WILSON PRESENTS SMILE
2004

Natürlich: Dieses Album hätte größere Bedeutung, wäre es direkt nach dem Meisterwerk PET SOUNDS erschienen. Wahrscheinlich sogar, wenn Brian Wilson es nie fertiggestellt hätte. Dann wäre der Mythos vom brillanten Entwurf geblieben, dessen schiere Dimensionen ihren Urheber um den Verstand brachten. Die Aufnahmen an SMILE scheiterten 1967 legendär, Wilson ging ins Bett und stand jahrelang nicht mehr auf. Wie durch ein Wunder überlebte er lange genug, bis er wieder bei Sinnen war. Emotional Rescue lieferte seine Frau Melinda Ledbetter, die fabelhaften Wondermints unterstützten ihn musikalisch. So stellte Wilson seine „teenage symphony to God“ mit 37 Jahren Verspätung fertig. In die Zukunft wies sie da nicht mehr, wunderlich-brillant wird sie wohl immer bleiben. Ein später Triumph von Genie über Wahnsinn. (Reiner Reitsamer)

Studie ergibt: Mercedes ist die beliebteste Automarke in Rap-Songs

Thom Yorke
THE ERASER
2006

Drei Jahre nach dem bis heute politischsten Radiohead-Album HAIL TO THE THIEF (mit Grüßen an George W. Bush) und ein Jahr vor der Veröffentlichungsrevolution durch IN RAINBOWS (Pay what you want!) legt der bekennende Aphex-Twin-Fan Thom Yorke auf seinem Solodebüt so etwas wie seine persönliche Heimstudio-Dystopie vor. Auf dem Klapp-Cover lässt der schwarzgewandete Eraser Städte und Fabriken in den Fluten versinken, und so tröpfelt einem auch diese von Nigel Godrich produzierte Untergangs-Electronica mitunter wie saurer Regen ins Hirn. An der Brillanz von Songs wie dem elastisch E-Bass-groovenden „Black Swan“, dem dramatisch kreiselnden „The Clock“ oder dem zum Niederknien schönen Finale „Cymbal Rush“ ändert all die planetenkollabierende Düsternis natürlich nichts. (Martin Pfnür)

Feist
THE REMINDER
2007

Leslie Feists Karrierestart Ende der 90er-Jahre verläuft vielbeinig: Sie ist Teil der Peaches-Performance, Mitglied bei Broken Social Scene, es erscheint eine erste Soloplatte namens MONARCH, die noch kaum jemand hört. Der Erfolg der Band gibt ihr den entscheidenden Auftrieb, bei ihren frühen Gigs raunt man sich zu, hier handele es sich um eine der Stimmen von Broken Social Scene. Das Album LET IT DIE legt 2004 das Fundament, THE REMINDER wird 2007 abgöttisch geliebt: Feist ist Kunst, Pop und Indie. Sie spielt ihr „1234“ in der Sesamstraße und wirbt mit dem Song für Apple-Produkte, kaum ein Seriensoundtrack kommt ohne Feist-Song aus, James Blake covert ihr „Limit To Your Love“ (Co-Songwriter: Chilly Gonzales). Heute wirkt THE REMINDER wie ein Album aus einer Zeit der geringeren Wallungen und Empörungen. (André Boße)

Jenny Lewis
ACID TONGUE
2008

Keine Zeit zu verlieren: Innerhalb von drei Wochen soll Jenny Lewis ihr zweites Solo-Countrypop-Album aufgenommen haben – und nur knapp ein Jahr nach dem letzten Rilo-Kiley-Werk kam es auch schon heraus. Genau diese Dringlichkeit, mit der diese Platte entstand, merkt man ihr an. Die Songs wirken rough, offen für jegliche Wendungen und Dehnungen, bei denen aber immer Lewis’ zuckrige Stimme das Zentrum bildet. Viele der Tracks sind Onetakes, die genau so im kalifornischen Studio aufgenommen wurden – zusammen mit zig Gastmusiker*innen (wie M. Ward und Chris Robinson). Einer, der sich hier besonders hervortut, ist Elvis Costello. Im Duett „Carpetbaggers“ gibt er ebenso selbstbewusst wie Lewis den (nöligen) Gegenpart. Eine Platte, die nur so vor Spielfreude und unfertig-schönem Analog-Charme strotzt. (Hella Wittenberg)

Die 100 besten Gitarristen und Gitarristinnen aller Zeiten

Frank Spilker Gruppe
MIT ALL DEN LEUTEN
2008

Frank Spilker ohne die Sterne-Urmitglieder Thomas Wenzel am Bass und Christoph Leich an den Drums, das schien lange Zeit so unwahrscheinlich wie Frank Spilker, der auf deutsche Texte scheißt. Seit dem Ausstieg von Wenzel und Leich ist Spilker zwar nun tatsächlich der letzte Fixstern am Hamburger Firmament, einen Soloausreißer gab es aber auch schon deutlich früher mal. Eingespielt mit Schlagzeuger Matthias Strzoda (trommelte u.a. für Andreas Dorau), Filmkomponist Max Knoth am Bass und Gästen wie Masha Qrella entfaltet MIT ALL DEN LEUTEN in Songs à la „Ich geh’ gebückt“ einen mal luftigen, mal zackigen Indie-Rock-Schmiss, der Spilker auch in englischsprachigen Stücken wie dem funky nach vorn strebenden „Ex-Lover’s Paintings“ und dem Smiths-Soundalike „Me Only“ ganz ausgezeichnet steht. (Martin Pfnür)

Peter Fox
STADTAFFE
2008

Blöd gelaufen. Plötzlich wurde Pierre Baigorry vom Kreuzberger Lokalhelden zum deutschen Popstar. Hat ihm nicht gefallen. Allen anderen, Nicht-Berlinern und Berlinern sowieso, umso besser. Nach 92 Wochen in den Top 50 der Charts und sechsfach Platin schwor das Seeed-Mastermind, nie wieder Peter Fox zu sein. So steht STADTAFFE bis heute als einsames Großwerk, das HipHop, Dancehall und Popsensibilität, das Babelsberger Filmorchester und modernste, von The Krauts eingebrachte Produzenten-Skills zu einem einmaligen Sound verschmolz und das Arm-aber-sexy-Berlin auf den Punkt brachte. Zum Glück sind Hits wie „Haus am Meer“, „Alles neu“ oder „Schwarz zu Blau“ längst fester Bestandteil des Live-Repertoires von Seeed geworden. Nur Berlin ist lange nicht mehr so cool wie auf STADTAFFE. (Thomas Winkler)

Fever Ray
FEVER RAY
2009

Gleich mit dem Opener „If I Had A Heart“ hat Karin Dreijer alias Fever Ray ein Stück für die Ewigkeit erschaffen. Das Epos „Laurence Anyways“ von Filmemacher Xavier Dolan wäre ohne den sich langsam aufbäumenden Schauersong nicht vorstellbar und für die Solokarriere der Schwedin setzte er ebenfalls den Maßstab in ganz anderen Sphären als die sonst für Electro-Pop-Artists geltenden fest. Hört man ihre Lieder, glaubt man fest an die Prämisse, ein Song müsse immer eine Wirkung über seine Spieldauer hinaus haben. Er müsse eine kribbelige Atmosphäre kreieren, die Ungesagtes wahrnehmbar macht. So banal die Themen auf dieser Platte auch anmuten mögen – hier werden sie in Verbindung mit den alienhaften Soundlandschaften und der hochgepitchten Stimme zu etwas Größerem, zum Mysterium. (Hella Wittenberg)

Das sind die 100 besten Songs aller Zeiten

Graham Coxon
THE SPINNING TOP
2009

Das siebte Soloalbum des Blur-Gitarristen sticht allein insofern aus seiner Diskografie heraus, als dass Coxon hier erstmals seine Lust an der Lo-Fi-Lärmerei hintanstellte. Schien sein Solo-Output bis dahin eher wie ein freigeistig verschrabbeltes Ventil zum Druckablass, so fährt er auf seiner zugänglichsten und ambitioniertesten und empfindsamsten Platte alles auf, was als Gitarrist und Songwriter in ihm steckt. Man hört etwa famos ins Orientalische gedrehten Folk aus der Bert-Jansch-Schule („In The Morning“), quietschfidele Ausflüge in die Samba („Perfect Love“), verschroben Psychedelisches („Caspian Sea“), tausend Tränen tiefe Balladen („Far From Everything“) und mit „Dead Bees“ und „Humble Man“ zwei Britrock-Nummern, die jedem Blur-Album wunderbar zu Gesicht stünden. (Martin Pfnür)

Laetitia Sadier
THE TRIP
2010

Laetitia Sadiers Band Stereolab hatte den Indie-Pop der 1990er entscheidend geprägt, mit einer Musik, die durch die Klangräume des Space Age in eine unbekannte Zukunft schoss. Eine Mobilmachung und Verformung von vergessenen Pop-Momenten, in zunehmender Distanz zum Überbau des Gitarrenrock. In den 12 Songs ihres Solodebüts lässt Sadier die Zeit still stehen, die Sängerin verarbeitet den Suizid ihrer jüngeren Schwester Noelle. THE TRIP verbindet Trauerarbeit mit Kontemplation und einer Entwicklung hin zu warmen, ätherischen Soundbildern. Selbst ein Krautrocktrack scheint hier den Groove zu verlieren, Platz machend für diese Stimme, die ihre sanften Untertöne gerade zu finden beginnt. Das Cover von Gershwins „Summertime“, ein Tupfer auf der Zeitleiste, der schneller verblasst, als er aufgetaucht ist. (Frank Sawatzki)