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Zum Comeback von ABBA: Der Feind in meinem Ohr


Zum Comeback von ABBA haben wir unser Archiv gestöbert und sind auf unser ausführliches Feature über die Schweden aus dem Jahr 2012 gestoßen – mit allen Infos zur größten Popband aller Zeiten.

Die Popband in Perfektion, immer den richtigen Look zum Song.

Eine Schlagerband? Und was hat das mit Kommerz zu tun?

Das bekamen zum Beispiel die Mitglieder der schwedischen Progg-Bewegung zu spüren, als sie in den Siebzigern zum Zwecke des kulturellen Austausches eine Exkursion nach Kuba unternahmen. Das vor allem von Folk- und Jazz-Musikern gestützte linke Künstler-Netzwerk hatte sich Ende der 60er-Jahre gegründet. Es sprach sich gegen die Kommerzialisierung von Musik aus, die Selbstermächtigung galt ihr alles. In der allgemein sozialdemokratisch bis sozialistisch geprägten politischen Stimmung in Schweden sollte es ihr tatsächlich gelingen, wichtige Teile des Kulturbetriebs auf ihre Seite zu bringen.

In ABBA und in ihrem kontroversen, aufrichtig kapitalistischen Manager Stig Anderson fand sie ihr liebstes Feindbild. Frei nach dem Theoretiker Theodor W. Adorno, der Anfang der Sechziger in seiner „Einführung in die Musiksoziologie“ über „die Schlager“ vorgetragen hatte:

„Sie [die Schlager] rechnen mit Unmündigen; solchen, die des Ausdrucks ihrer Emotionen und Erfahrungen nicht mächtig sind; sei es, dass Ausdrucksfähigkeit ihnen überhaupt abgeht, sei es, dass sie unter zivilisatorischen Tabus verkrüppelte. Sie beliefern die zwischen Betrieb und Reproduktion der Arbeitskraft Eingespannten mit Ersatz für Gefühle überhaupt, von denen ihr zeitgemäß revidiertes Ich-Ideal ihnen sagt, siemüssten sie haben.“

Kein Zweifel, ABBA waren eine Schlagerband im Sinne Adornos. Sie sangen von Verheißungen: „You can dance, you can jive. Having the time of your life … You are the dancing queen.“ Sie luden zum Träumen ein: „When I know the time is right for me I’ll cross the stream – I have a dream.“ Sie lieferten „Ersatz-Gefühle“.

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 Aber wie geht die Geschichte von den Progg-Aktivisten, die sich zum Solidaritätsbesuch nach Kuba aufgemacht hatten, denn nun weiter? Nun, selbstverständlich war ihre Freude groß, auf dieser im real existierenden Sozialismus blühenden Insel etwas zu lernen über die Menschen und ihre Kultur. Doch als sie von ihren Gastgebern in Empfang genommen wurden, kannten die nur ein Thema: Sie wollten von ihren schwedischen Genossen alles über ABBA wissen. Verdammt, ABBA waren einfach überall!

Das Verhältnis zwischen der Band und dem Kulturestablishment in ihrer Heimat sollte sich tatsächlich erst nach ihrer stillen Auflösung bessern. Dass ihnen in ihrer Heimat nichts geschenkt werden würde, dürfte ihnen aber bereits 1974 klargeworden sein, als sie nach ihrem überragenden Sieg beim Eurovision Song Contest in Brighton – es war der erste Triumph für Schweden in diesem Wettbewerb – auf einen Reporter der Nachrichtensendung „Rapport“ trafen.

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In Anspielung auf ihren Siegertitel „Waterloo“ leitete er sein Interview mit den folgenden Worten ein: „Im vergangenen Jahr habt ihr ein Lied geschrieben über Leute, die miteinander telefonieren. Dieses Jahr habt ihr davon gesungen, wie 40 000 Menschen zu Tode gekommen sind, um es ein wenig zynisch auszudrücken …“ Das Lied mit dem Telefongespräch (welches nicht zustande kommt, das ist ja der Witz!) hieß übrigens „Ring Ring“, war bei der Jury des schwedischen Vorentscheids zum Eurovision Song Contest 1973 durchgefallen und nichtsdestotrotz das rasanteste, gewaltigste, unbedingteste Stück musikalischer Kurzweil, das bis dato aus dem Pop-Entwicklungsland Schweden in die Welt hinausgeschickt worden war.

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David Redfern Redferns