Lady Gaga

MAYHEM

Interscope Records (VÖ: 7.3.)

Der darke Bombast-Pop der Lady Gaga ist zurück, aber weniger aggressiv als zu Beginn ihrer Karriere. Belanglos ist das nicht, aber auch nicht sonderlich innovativ.

Stefani Germanotta aka Lady Gaga. Die gebürtige Italo-New Yorkerin aus privilegiertem Hause besinnt sich 2025 ihrer Anfänge im Business. Ihr nunmehr siebtes Studioalbum MAYHEM schlägt gewissermaßen den Bogen zurück zu „Pokerface“ und „Paparazzi“, aber der Blick der Künstlerin auf diese ersten Megaerfolge ist ein altersmilder, fast wehmütiger. 2008 kam ihre erste Platte heraus und schlug dermaßen hart ein, dass man befürchten musste, aus der Nummer könne man nur beschädigt herauskommen. Und so war es vielleicht auch. Zu sehr hatte sich die Künstlerin in Verkleidungen, Alter Egos und Schockmomente verstrickt. Zu groß war die Erwartung an sie, die Spirale der Sensationen immer weiterzuschrauben. Nach dem Fleischkleid konnte eigentlich nichts Verstörenderes mehr kommen.

Und doch hatte sie mit dem Erstling THE FAME etwas geschafft. Sie hatte Generationen dazu gebracht, das gleiche zu hören. Erwachsene wie Kinder. Die gestammelten und gestotterten Silben, die verrückten Tänze – all das funktionierte auf Ebenen, die von allen verstanden und gemocht werden konnten. Das muss man erstmal hinkriegen. Aber schon nach wenigen Jahren und weiteren Alben ähnlichen Stils zeigte sich, dass der Wind plötzlich krass von vorne weht, wenn nicht regelmäßig fresh nachgelegt wird. Das Tempo halten. Die Performance schärfen. Den Körper immer wieder neu zurichten und zeigen. All das ließ Gaga schließlich hinter sich, um sich ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Jazz-Gesang und der Textarbeit hinzugeben. Volle Gönnung natürlich – der göttliche Sänger Tony Bennett war zur Stelle und nahm mit ihr ein Album auf, sie konnte ihre sensible ungekünstelte Seite in verschiedenen Filmrollen zeigen und genesen, denn etliche Malaisen und chronische Krankheiten quälten sie. Durchhalten. Weitermachen. Ein Kraftakt.

An Gaga ist nichts süßlich

Was immer da war: Gagas fantastische Stimme, die sich oft hinter Sounds und Beats versteckte. Diese hat eine dunkle Farbe, die mal bedrohlich, mal klagend klingt und hat, entgegen der Meinung einiger Kritiker:innen, so gar nichts gemein, mit Madonnas Quietschigkeit im Ausdruck. An Gaga ist nichts süßlich. Nichts wirklich betörend unschuldig oder so. Sie ist eher sperrig und spröde, schreckt vor Übreraschungseffekten im Gesang nicht zurück. Anschwellenlassen. Brüllen. Kreischen. Man kann sich bei ihren Stücken, und seien sie noch so poppig, in Teilen nicht sicher sein, dass einem nicht gleich der Schreck in die Glieder fährt. Aber leider: Immer dann, wenn man denkt, tolles Stück, kommt der Refrain. Und da wird es dann eigentlich immer etwas beliebig. Weil der die anstrengende Strophe wieder glätten und gefällig machen soll. Harmonieänderungen und Fröhlichkeiten halten oft Einzug, um dem Radio generell und den Ohren im Auto oder Büro zu schmeicheln. Gefälligkeitsangebote für den Markt. Nun gut, anders geht Superstar vielleicht gar nicht.

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Gaga will jetzt halt wieder zurück zum Beginn ihrer Karriere

Gaga will jetzt halt wieder zurück zum Beginn ihrer Karriere. Das kennt man von vielen Künstler:innen. Nach dem ersten großen BÄMMM, kamen eigentlich immer Platten, auf denen man sich ständig neu erfinden wollte und Richtungen ändern, um nicht zu langweilen. Prince, Madonna oder die Beatles könnten ein Lied davon singen, wenn sie nicht teilweise tot wären. Neue Sounds, neue Themen und Looks. Ein wahnsinniger Druck aber vermutlich auch Drang. Wiederholung ist der Untergang, es sei denn, man ist Coldplay. Da ist schon was Wahres dran. Auf MAYHEM triggert Gaga Gefühle an, die ihre Teenagerfans der ersten Stunde gehabt haben müssen, als sie „Popopopopokerface“ gegen ihre Posterwand im Kinderzimmer brüllten.

Heute ist es „Abracadabra“ und macht genau soviel Spaß. Flankiert von wiedermal fantastischen, aufwändigen Tanzvideos (Choreo: Parris Goebbels) winden sich die neuen Tracks hinein in Spotify-Listen und Kaufhauslautsprecher, kehrt Gaga-Pop zurück, aber mit Patina drauf, obwohl die Künstlerin erst 38 ist. „Die With A Smile“, ihr Duett mit Bruno Mars, das ein modernes Todd-Rundgren-Stück sein könnte, ist herzzereißend aber auch ein wenig angeberisch, denn das beide singen können, wissen wir ja schon. Beim Opener „Disease“ entsteht der Rhythmus durch zerbrechendes Glas. Fast könnte man meinen, Gaga stapfe energisch über kaputte Vasen. Bei „Killah“ arbeitet sie mit dem französischen Produzenten Gesaffelstein zusammen, was den discoiden Einfluss erklärt und dem Track zugute kommt.

Ein irrer Mix aus Kinderlied und Wahnsinn

In „Zombiebay“ kommen wir schließlich ganz bei Weiland Daft Punk an. Aber dann wird es phasenweise öde. „Love Drug“ ist belangloser Party-Pop, „Don’t Call Tonight“ will gefallen und wirkt glattgebügelt. „The Beast“ erinnert ein wenig an den lustigen und leicht ironischen Schwulst von Meat Loaf was immerhin irgendwie ganz witzig ist und „Blade Of Grass“ ist dann endlich die Große, überbordende Ballade, die so drüber ist, dass man die riesige LED-Wand im Hintergrund, auf der rinnende, blutige Tränen zu sehen sind, unweigerlich mitdenken muss. Wie gesagt: All das hat vor 17 Jahren schon mal super gut funktioniert.

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Und dann natürlich „Abracadabra“. Dieser Track begeistert halt schon. Ein irrer Mix aus Kinderlied und Wahnsinn. An Ohrwurmigkeit nicht zu übertreffen. Bleibt abzuwarten, was der nächste Schritt auf dem Weg der Lady Gaga sein wird. Vielleicht die Vertonung von Rilke Gedichten? Oder ein eigener Geschichtenband? Auf ihrem Arm prangt immerhin ein tätowiertes Rilke-Zitat: „Prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen Sie sich ein, ob Sie sterben müssten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben. Dieses vor allem: Fragen Sie sich in der stillsten Stunde Ihrer Nacht: Muss ich schreiben?“. Schaun mer mal.

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Diese Review erscheint im ME 5/2025.